„Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.” (FN)
also | 05 Januar, 2007 19:07
„Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das
Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. Die Nacht ist
vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum...“ (Röm 13,11 f.) Das ist die
erste Stelle, die ich für das Metaphernfeld des Schlafens und Erwachens
kurz untersuchen möchte. Mit diesen Sätzen charakterisiert Paulus
im Brief an die ihm unbekannten Römer (römischen Christen) „die
gegenwärtige Zeit“ (Röm 13,11); in dem Wechsel von Weltnacht zu Welttag
ist die Zeit vorangeschritten, der Tag ist nahe. „aufstehen vom Schlaf“
ist eine Übersetzung, die die Untertöne der griechischen Wendung ‚ex
hypnou egerthänai‘ nicht erfasst; denn ‚ergerthänai‘ heißt „erweckt
werden“, so wie Jesus aus dem Tod erweckt worden ist. Erweckt werden,
das ist aufgeweckt oder auch auferweckt werden. Dieses Erwecktwerden
ist nicht nur eigene, sondern auch Gottes Tat.
Im Epheserbrief ist
die Mahnung zum Aufstehen mit der Licht-Finsternis-Metaphorik verbunden
(Eph 5,8 ff.), wobei Licht eben eine uralte Metapher für den Bereich
des Göttlichen ist (vgl. Jes 60,1 ff.). Über die Verbindung „Licht -
erleuchtet werden“ (Eph 5,14) wird offenbar ein bekanntes Lied
angeschlossen:
„Wach auf, du Schläfer,
und steh auf von den Toten,
und Christus wird dein Licht sein.“ (Eph 5,14)
Hier liegen die Zusammenhänge von Aufstehen und Erwecktwerden, von
Christus und dem Christen, von Schlaf und Licht offen. Dass der Zustand
der Christen wesentlich dieses Wachen als Leben im Licht ist, wird im
1. Brief an die Thessalonicher von Paulus ausgesprochen: „Ihr alle seid
Söhne des Lichts und Söhne des Tages. Wir gehören nicht der Nacht und
nicht der Finsternis. Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen,
sondern wach und nüchtern sein.“ (1 The 5,5 f.) Mit dem Wachsein lässt
dich dann wieder die Mahnung zur Wachsamkeit verbinden.
Für diese heilsgeschichtliche Stunde des Umschwungs, der die
Christgläubigen erfasst hat, gibt es im Neuen Testament öfter die
Wendung „Die Stunde ist gekommen.“ (Mt 26,45 f., wo die Jünger
schlafend den Herrn in seinem Leiden allein lassen; Joh 4,23). Es ist
eine von Gott bewirkte Wende der Ereignisse, die es zu erkennen und
wahrzunehmen gilt.
Zum Volkslied ist das protestantische Lied "Wach auf, du deutsches Land" aus dem 16. Jh. geworden, ein Aufruf zur entschiedenen Reformation:
"Wach auf, wach auf, du deutsches Land!
Du hast genug geschlafen,
bedenk, was Gott an dich gewandt,
wozu er dich erschaffen
Bedenk, was Gott dir hat gesandt
und dir vertraut sein höchstes Pfand,
drum magst du wohl aufwachen..."
Aus der deutschen Literatur möchte ich kurz drei Beispiele nennen, wo
die Metapher von Schlafen und Erwachen sich zeigt. Für alle innerlichen
Erweckungen (und auch Erweckungsbewegungen: religiöse Aufbrüche zum
wachen, wahren Christsein) steht „Peter Schlemihls wundersame
Geschichte“ von Adelbert von Chamisso. Peter, das erzählende
Ich, hat seinen Schatten leichtfertig verkauft und ist zum Außenseiter
geworden; die von ihm geliebte Mina hat sich auf Geheiß ihres Vaters
von ihm abgewendet und sich für den reichen Herrn Rascal entschieden;
Peter erwirbt zufällig die Siebenmeilenstiefel und findet so eine
Möglichkeit, sein Randexistenz produktiv als Forscher zu gestalten.
Durch Zufall kommt er in ein Krankenhaus, wo Mina nun als Schwester
arbeit; er hört, wie sie seinem früheren Diener Bendel gesteht: „Nein,
Herr Bendel, seit ich meinen langen Traum ausgeträumt habe und in mir
selber erwacht bin, geht es mir wohl; seitdem wünsche ich nicht mehr
und fürchte nicht mehr den Tod. Seitdem denke ich heiter an
Vergangenheit und Zukunft.“ (RUB 93, 1980, S. 76) In Bendels Antwort
klingt noch etwas von der christlichen Idee der Zeitenwende an: Sie
hätten beide aus dem vollen Becher getrunken; „nun möchte einer meinen,
das sei alles nur die Probe gewesen, und, mit kluger Einsicht gerüstet,
den wirklichen Anfang erwarten. Ein anderer ist nun der wirkliche
Anfang, und man wünscht das erste Gaukelspiel nicht zurück und ist
dennoch im ganzen froh, es, wie es war, gelebt zu haben.“ (a.a.O., S.
77)
Wir haben in Chamissos Erzählung also ein vom Christentum
gelöstes Erwachen „in mir selber“ (S. 77, Z. 32), was eine innere
Befreiung bedeutet und Heiterkeit der Seele mit sich bringt; Bendel
bezeichnet die beiden Bereiche der lebensgeschichtlichen Wende mit dem
Bild vom Gaukelspiel, das zu Ende gegangen ist, und dem wirklichen
Anfang, also mit dem Begriffspaar von Spiel und Wirklichkeit. Im
Schlusswort an Chamisso als den fiktiven Herausgeber von Peter
Schlemihls Lebensbeichte sagt dieser: „Willst du nur dir und deinem
besseren Selbst leben, oh, so brauchst du keinen Rat.“ (S. 79) Warum
braucht er keinen Rat? Weil Peters Geschichte ihm und anderen Menschen
„zur nützlichen Lehre gereichen“ kann (S. 78, Z. 36). An die Stelle des
erlösten inneren Menschen ist das bessere Selbst getreten; bei Nietzsche
braucht es (unter dem Namen des höheren Selbst) durchaus Beratung -
vermutlich deshalb, weil die Geschichte Peter Schlemihls nicht
hinreichend bekannt worden ist (Menschliches, Allzumenschliches I 629).
Auch ist es mit dem einmaligen Erwachen nicht mehr getan: „Wer sich
aber freien, rastlos lebendigen Geistes fühlt, kann durch beständigen
Wechsel diese Erstarrung verhindern...“ (I 637). Mit den Metaphern von
Erstarrung und Feuer (= Geist) wird der beständig neue Aufbruch
legitimiert.
Die Metapher „Schlaf“ und die zugehörige Zeitstruktur Tag / Nacht / Tag überbrücken den Gegensatz zwischen Liebe und Tod in J.P. Hebels Erzählung "Unverhofftes Wiedersehen" (siehe dort!).
Wenn man bei Yahoo „Deutschland, erwache“ eingibt, werden 11.300 Links angeboten. Dort findet man unter anderem das dreistrophige NS-Lied:
Bruno Schestak, 1937
Deutschland erwache aus deinem bösen Traum!
Gib fremden Jxxxx in deinem Reich nicht Raum!
Wir wollen kämpfen für dein Auferstehn!
Axxxxxxx Blut soll nicht untergehn!
Es
dürfte nicht schwer sein, die großen und kleinen x durch richtigen
Buchstaben zu ersetzen. - Wir haben hier ein Beispiel für die
politische Verwendung der Metapher des Erwachens; ich kenne als
ältestes Beispiel dafür Georg Herweghs „Wiegenlied“ (1843); ich
vermute aber, dass die Metapher bereits in der Dichtung der
Freiheitskriege gegen Napoleon aufgetaucht ist; fastbot bietet auch
viele Links unter den Suchworten „erwachen Metapher“, gerade in
spirituell-religiöser oder innerlicher Bedeutung; aber ich habe nichts
passendes Politisches gefunden.
Halten wir uns also an Herweghs
„Wiegenlied“, das leicht im Netz zu finden ist. Es ist eine Parodie von
Goethes Gedicht „Nachtgesang“; ironisch wird dem unmündigen Kind
Deutschland („Wiegenlied“) empfohlen, weiterzuschlafen und sich um alle
Repressionen der Obrigkeit nicht zu kümmern. Zum diesem Gedicht gibt es
eine Analyse in meiner Rubrik „Lyrik“. „Schlafe, was willst du mehr?“
ist der letzte Vers jeder Strophe, der sein genaues Gegenteil meint:
Steh auf und lass dir nichts mehr gefallen, kämpfe für deine Freiheit!
In der ironischen Aufforderung weiterzuschlafen erklingt also der
Weckruf: Erwache!
Nachtrag: Horst Lommer (1904 – 1969) dichtete in sozialistischem Sendungsbewusstsein:
„Wir Deutsche haben vieles gutzumachen:
Aus unserer Mitte kam die Nazipest,
Die Stunde schlägt! Jetzt gilt es aufzuwachen!
Und wehe dem, der sie verrinnen läßt!“
(Der Spuk ist aus. Mai 1945, 10. Strophe – 1946 veröffentlicht)
Die Internationale beginnt (in der Übersetzung Emil Luckhardts, 1910) so:
"Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
die stehts man noch zum Hungern zwingt!
Das Recht wie Glut im Kraterherde
nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
Heer der Sklaven, wache auf!
Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger,
alles zu werden, strömt zu hauf!"
Im "Don Karlos" ist "schlafen / erwachen" die zentrale Metapher für die Veränderung (Reifung), die der Held durchmacht.
In "Wilhelm Tell" (V. 1643 ff.) dient das Metaphernpaar dazu, Bertas
Glauben an das Gute in Rudenz zu begründen, zweitens ist es dann Aufruf
an Rudenz, dem in ihm schlafenden guten Kern zum Durchbruch zu
verhelfen, ihn also zu erwecken (resp. erwecken lassen):
"Nein, nein, das Edle ist nicht ganz erstickt [Alternative zu: schlafen, N.T.]
In Euch! Es schlummert nur, ich will es wecken;
Ihr müsst Gewalt ausüben an Euch selbst..."
P.S. In einem wunderbaren Interview mit Helme Heine (Lebenskunst, SZ 14. Juni 2008, S. VIII) lese ich, was er über Kindheit sagt:
"Die Kindheit ist eine in sich abgeschlossene Inkubationszeit, eine Art Verpuppungszeit. Was weiß der Schmetterling von der Raupe, was weiß er von seinem Raupendasein? Erwachsen werden heißt aufwachen, wie nach einem langen Schlaf. Und dann glauben wir nur, uns erinnern zu können an diese Traumzeit."
Man sieht, wie vielfältig ein Paar elementarer Metaphern wie „schlafen
/ erwachen“ zu verwenden ist, wie es an andere Metaphern angeschlossen
und wie verschieden es inhaltlich gefüllt werden kann; selbst der
Weckruf „Deutschland, erwache!“ kann von linken wie rechten Sängern
gleichermaßen vorgetragen werden; die Metapher ist ein Gefäß vieler
Inhalte - es kommt auf die Hände an, die es halten, und den Zweck, zu
dem es gebraucht wird.
Neuestens wird sie von „Phönix: Schule für Selbsterkenntnis und Exzellenz“ (http://www.selbsterkenntnis-schule.de/) gebraucht - einer Art buddhistischer Erleuchtungsschule mit Beitragspflicht.
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