„Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.” (FN)
also | 05 Januar, 2007 19:42
Am 20. September 2005 ist Simon Wiesenthal im Alter von 96 Jahren in Wien gestorben; am 21.09.05 würdigte Joachim Käpper in der SZ („Die Aufgabe, nicht aufzugeben“ auf S. 3) den Mann, der Adolf Eichmann in Südamerika aufspürte und als Nazijäger in der ganzen Welt bekannt wurde.
In seiner vita gibt es eine Episode, die
zum Thema „Kino und Wirklichkeit“ führt. Frederick Forsyth bekam 1972
von Wiesenthal Informationen über Eduard Roschmann, den zweiten
Kommandanten des Ghettos von Riga, „verantwortlich für den Tod vieler
tausend Menschen“ (J. Käpper). Forsyth machte aus diesem Stoff den
Roman „Die Akte Odessa“, nach dem dann ein Film gleichen Namens gedreht
wurde. Dieser Film enthält nur eine Szene, die erfunden ist, jedenfalls
nur auf vagen Gerüchten beruht: Roschmann erschießt 1945 einen
Wehrmachtsoffizier, um sich dessen Platz auf einem Flüchtlingsschiff zu
sichern.
Nun geht es zurück in die Wirklichkeit: Roschmann war in
Südamerika untergetaucht und wurde von alten Genossen gedeckt; aufgrund
der genannten Filmszene jedoch, die jene für authentisch hielten, wurde
Roschmann von ihnen der Schutz entzogen; sein Versteck in Argentinien
flog auf, er wurde von Fahndern gehetzt und starb 1977 in Asuncion an
Herzversagen - „er zahlte mit dem Leben für den einzigen Mord, den er
wohl nicht begangen hatte“ (J. Käpper).
Der Witz an dieser Geschichte besteht darin, dass Wiesenthal zunächst vorgeschlagen hatte, im Film den Übeltäter am Schluss entkommen zu lassen, weil dies der Wirklichkeit entspreche; doch die Regie lehnte das ab - sie wollte den Zusachauern nicht zumuten, dass am Ende nicht die Gerechtigkeit siege. Dazu Wiesenthal: „Das habe ich verstanden. Es ist der Unterschied zwischen Leben und Kino.“ - Doch hat das Kino sich am Ende in der Wirklichkeit für Roschmann ausgewirkt: ein Beitrag zum Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit.
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