norberto42: Neue Essays

„Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.” (FN)

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Über das Unaussprechliche

also | 30 Dezember, 2006 17:43

„Alle großen abrahamischen Religionen [Judentum, Christentum, Islam, N.T.] sind tolerant, wenn sie es sein müssen, und aggressiv, wenn sie es sich leisten können.“ (Rudolf Chimelli: Verhasste Heimat, SZ 15. Juli 2005, S. 13) Das bedeutet erstens, dass die religiösen Menschen tolerant sind, wenn sie es sein müssen, und aggressiv, wenn sie es sich leisten können - denn die Religionen können ja nicht handeln; zweitens bedeutet es, dass es in der Hinsicht von Toleranz und Aggressivität nicht darauf ankommt, welcher Religion man angehört, sondern dass überhaupt (abrahamische) Religion besteht.
Das alles wäre weiter nicht verwunderlich, wenn nicht gerade diese Religionen die Liebe zum Nächsten, auch zum Fremden in ihrem Programm hätten, zumindest das Christentum sogar die „Feindesliebe“ (Mt 5,43 ff.). Damit tut sich ein Widerspruch zwischen dem offiziellen Programm und der gängigen Praxis auf, der eine Erklärung fordert.

Die einfache ideologiekritische Erklärung besagt, dass religiöse Programme keinen Wahrheitsgehalt aufweisen, weil sie in Wahrheit nur dazu dienen, die Macht einer Organisation zu festigen und die Funktionäre wirtschaftlich abzusichern.
Gegen diese Erfahrung spricht allerdings die Tatsache, dass viele Menschen von solchen Programmen ergriffen sind und bekunden, damit (nicht mit dem Programm, sondern mit dem darin vermittelten Göttlichen) ihren inneren Frieden gefunden zu haben. Solche Bekundungen sollen jetzt nur festgestellt, nicht aber als solche bewertet werden. Sie dienen hier nur dazu, eine zweite Erklärung des oben genannten Widerspruchs zu suchen bzw. zu referieren.

Diese zweite Erklärung operiert mit der Idee, dass die eigentliche Wahrheit der Religion unaussprechlich ist. Das möchte ich an zwei Beispielen aufzeigen.
Das erste Beispiel liefert Paulus mit der Unterscheidung von „gramma / pneuma“, also von „Wort (Buchstabe) / Geist (Bedeutung)“.
Paulus hatte als Jude Probleme, seine alte jüdische Religion mit dem neuen christlichen Glauben in Einklang zu bringen, da der neue Gott Jesu Christi auch der alte Gott Abrahams sein sollte - waren doch Jesus wie die Jünger allesamt Juden: „Jude ist nicht, wer es nach außen hin ist, und Beschneidung ist nicht, was sichtbar am Fleisch geschieht, sondern Jude ist, was am Herzen durch den Geist, nicht durch den Buchstaben geschieht.“ Zu der genannten Unterscheidung kommt hier die von „außen (Fleisch) / Herz“ hinzu. Mit der Unterscheidung von „gramma / pneuma“ wird es möglich, die alte heilige „Schrift“ mit neuer Bedeutung zu füllen; die wahre Bedeutung ist dann nicht direkt darin ausgesprochen, sondern verborgen (vgl. auch 2 Kor 3,6). Nur so ist ein „neuer Bund“ möglich, wenn man den alten Gott nicht Lügen strafen will. [Ein interessanter Vorgriff auf unsere Unterscheidung ist die Wendung „die Vorhaut eures Herzens beschneiden“, Dt 10,16.]
Diese heilsgeschichtliche Unterscheidung „gramma / pneuma“ wird dann anthropologisch gewendet, als Paulus die höheren Gnadengaben zu erstreben empfiehlt (1 Kor 12,31). Das Hohelied der Liebe (1 Kor 13), welche die höchste Gnadengabe ist und mehr zählt als alle Erkenntnis, die bloß Stückwerk ist, endet [über die Metaphorik „Kind / Mann“] in einem weiteren Metaphernfeld:
„Jetzt schauen wir in einen Spiegel
und sehen nur rätselhafte Umrisse,
dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich unvollkommen,
dann aber werde ich durch und durch erkennen,
so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.“ (13,12)
Das eigentliche Glaubensgut ist also unaussprechlich.
Auch in der katholischen Kirche, die doch dem Dogma und damit dem Wortlaut des Bekenntnisses so großen Wert beimisst, ist gleichzeitig vertreten worden, dass Gott nur analog zu erkennen sei, wobei die dissimilitudo immer größer sei als die similitudo der Erkenntnis; zumindest die Theologen haben sich darüber so verständigt.

Das zweite Beispiel stammt aus Lessings Dialog „Ernst und Falk“. Ich beschränke mich auf die Teile II und III des Dialogs (Werke in acht Bänden, Bd. VIII, S. 451 ff., Kommentar S. 693 ff.) und referiere Gedanken des Freimaurers Falk thesenartig:
1. „Die Staaten vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigeng jeder einzelne Mensch seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sichrer genießen könne.“ Die Statten sind um der Menschen willen da. (459)
2. Die bürgerliche Gesellschaft kann die Menschen nicht vereinigen, ohne sie erneut zu trennen: nach Nationen, nach Religionen und Ständen (463 f.). Wenn also ein Franzose einem Engländer (oder ein Christ einem Juden) begegnet, so begegnet „nicht mehr ein bloßer Mensch einem bloßen Menschen, die vermöge ihrer gleichen Natur gegen einander angezogen werden, sondern ein solcher Mensch begegnet einem solchen Menschen, die ihrer verschiednen Tendenz sich bewußt sind, welches sie gegen einander kalt, zurückhaltend, misstrauisch macht“ (462).
Das liegt daran, dass menschliche Mittel notwendig fehlbar sind, also nie ohne Nebenwirkungen ihrem Ziel dienen (460).
3. Man muss deshalb (als echter Freimaurer, ob man nun so heißt oder nicht) die Trennungen nicht zu groß werden lassen und gegen Vorurteile angehen (464 f.).
4. Man muss also nicht den Übeln eines Staates entgegenarbeiten - das kann man als Bürger tun -, sondern den Übeln des Staates (467 f.); dies kann man, indem man die Trennungen, welche die Staaten notwendig hervorbringen, in sich und durch sich wieder vereinigt (469).
5. Das Grundgesetz der Freimaurer ist es also, „jeden würdigen Mann von gehöriger Anlage, ohne Unterschied des Vaterlandes, ohne Unterschied der Religion, ohne Unterschied seines bürgerlichen Standes, in ihren Orden aufzunehmen“ (470).
Die Idee des Freimaurertums ist also, die durch den Staat und die Religionen entstehenden Trennungen aufzuheben - letztlich freilich nicht so, dass eine weitere bürgerliche Vereinigung entsteht, sondern dass ein neuer Geist sich ausbreitet; dieser wird konsequenterweise nicht durch Worte vermittelt, sondern durch Taten (S. 454), und zwar durch die wahren Taten (S. 456). Es geht um ein Gemeinschaftsgefühl sympathisierender Geister (S. 481), um eine Gesprächsklima vertrauter Tischgesellschaft (S. 484 f.), nicht um die Zugehörigkeit zu einem Verein bürgerlicher Honoratioren.
Damit wird dann eine Denkfigur erforderlich, die bereits Augustinus auf die Kirche angewendet hat: Manche scheinen draußen zu sein und sind doch drinnen, und manche scheinen Mitglieder zu sein und sind es doch nicht; denn ob man ein echter Freimaurer ist, hängt nicht davon ab, dass man in einem Akt in eine Loge aufgenommen worden ist, sondern an einer menschlichen Qualität.
Solche Denkfiguren erfreuen sich naturgemäß bei den Organisatoren sozialer Gruppen keiner großen Beliebtheit. Es ist zu fragen, welches Problem welche Lösung durch sie erfährt - oder ob so nur ein Problem als solches bestimmt wird.

Möglicherweise steht die mit der Unterscheidung „gramma / pneuma“ bezeichnete Erfahrung neuer Freiheit auch hinter der Annahme von Platons ungeschriebener Lehre; denn die Erfahrung philosophischer Befreiung des Geistes ist nicht ganz aussagbar, Ludwig Wittgenstein lässt mit dem 7. Hauptsatz des Tractatus grüßen.
Ich habe diese Erfahrung vor gut neun Jahren einmal in einem ganz kleinen Philosophiekurs gemacht, in der Klasse 13; ihm gehörten nur Schüler an, die Philosophie nicht im Abitur hatten. Wir waren also frei in der Wahl unserer Themen und haben einige Aufsätze Hartmut von Hentigs gelesen; in einer Stunde erreichten wir im Gespräch diese Befreiung des Geistes: eine wunderbare Leichtigkeit des Seins. Die Schüler baten mich dann, ein Protokoll der Stunde anzufertigen; ich habe das auch gemacht, aber ich wusste bereits vorher und habe es auch den Schülern gesagt: Was wir in dieser Stunde im Gespräch erlebt haben, kann man nicht im Protokoll erfassen.

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